Der Graue Wolf ist älter als jede Organisation.

Österreich hat das Handzeichen verboten. Frankreich hat eine Gruppe aufgelöst. In Deutschland hat der Bundestag verlangt, ein Verbot zu prüfen. In diesem Dossier legen wir die amtlichen Dokumente, auf denen diese Entscheidungen beruhen, einzeln offen und antworten auf jedes mit Geschichte, Recht und Quellen.

Kök böri, der Wolf mit der himmelblauen Mähne Die Erzählung von der Abstammung vom Wolf wurde in der chinesischen Chronik Zhoushu festgehalten, die 636 n. Chr. abgeschlossen wurde. Das Wolfsrelief der Bugut-Inschrift ist noch ein halbes Jahrhundert älter.

Türük, in Orchon-Schrift

Am Anfang war der Wolf.

Der Bozkurt (Grauer Wolf) ist nicht als Parteiemblem entstanden. Er gehört zu den ältesten Erzählungen, in denen die Türken ihre eigene Herkunft schildern. Festgehalten haben diese Erzählung nicht nur türkische Quellen, sondern auch die amtlichen Geschichtsschreiber des chinesischen Kaiserhofs.

Keiner der folgenden Belege hat mit moderner Politik zu tun. Alle sind Quellen in Museen, Bibliotheken und Fachpublikationen, die jeder selbst überprüfen kann.

Der Graue Wolf in den Quellen

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552

Der erste Staat mit dem Namen „Türk“

Bumın Kağan beendet die Herrschaft der Juan-juan (Rouran), und das Göktürk-Khaganat entsteht. Nach den chinesischen Chroniken heißt das Herrscherhaus der Türken Aşina, und dieses Geschlecht führt sich auf eine Wölfin zurück1.

580er

Kopie der Bugut-Inschrift: oben auf dem Stein ein Wolf, darunter eine kleine menschliche Figur

Bugut-Inschrift: Wolf und Kind

Die Inschrift wurde 1956 in der Mongolei gefunden und zwischen 584 und 587 für Taspar Kağan errichtet. Drei Seiten sind auf Sogdisch beschriftet, die Rückseite in Brahmi-Schrift. Das Relief an der Spitze zeigt eine Wölfin, die ein Kind säugt. Der Stein steht heute im Provinzmuseum von Archangai in Tsetserleg, Mongolei2.

Bild: Kopie der Bugut-Inschrift, Yastanovog, CC BY-SA 3.0

636

Der Bericht des chinesischen Hofes: das Banner mit dem goldenen Wolfskopf

Die amtliche chinesische Geschichtsschrift Zhoushu erzählt die Herkunft des Aşina-Geschlechts: Eine Wölfin nährt einen Jungen, der ein Massaker überlebt hat. In einer Berghöhle bringt die Wölfin zehn Söhne zur Welt, von denen die türkischen Stämme abstammen1.

旗纛之上,施金狼頭。蓋本狼生,志不忘舊。 „Auf die Spitzen ihrer Banner und Feldzeichen setzen sie einen goldenen Wolfskopf. Weil sie vom Wolf abstammen, vergessen sie ihre Herkunft nicht.“

Auch das im selben Jahr abgeschlossene Suishu berichtet, dass am Tor des Zelts des Khagans ein Feldzeichen mit Wolfskopf aufgestellt wurde, und zwar, „um die Wurzeln nicht zu vergessen“3.

732

Der Stein des Kül-Tigin-Denkmals in der Mongolei

Kül-Tigin-Inschrift: Türken in eigener Schrift

Dieses Denkmal im Orchon-Tal gehört zu den berühmtesten Texten, die Türken in ihrer eigenen Sprache und mit ihrem eigenen Alphabet geschrieben haben. Die alten Schriftzeichen auf dieser Website stammen aus diesem Alphabet: 𐱅𐰇𐰼𐰜 „Türük“, 𐰋𐰇𐰼𐰃 „böri“, also Wolf4.

Bild: Kül-Tigin-Denkmal, Betta27, gemeinfrei

13.–15. Jh.

Eine Seite aus der Handschrift des Oğuz-Kağan-Epos in uigurischer Schrift

Oğuz-Kağan-Epos: der Wolf, der vorangeht

Die einzige Handschrift des Epos in uigurischer Schrift liegt heute in Paris, in der Französischen Nationalbibliothek (Supplément turc 1001). Ihre Entstehungszeit ist umstritten. Die Schätzungen reichen vom Ende des 13. bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts5.

kök tülüklüg, kök çallug bedik bir irkek böri çıkdı „Aus diesem Licht trat ein großer männlicher Wolf mit himmelblauem Fell und himmelblauer Mähne hervor.“ Der Wolf sagt zu Oğuz: „Ich werde vor dir hergehen“, und weist dem Heer den Weg6.

Bild: Gallica / BnF, gemeinfrei. Die einzige Handschrift dieses türkischen Epos über den Grauen Wolf liegt in der Nationalbibliothek Frankreichs, des Landes, das eine Gruppe namens „Graue Wölfe“ aufgelöst hat.

1912

Ziya Gökalps „Ergenekon“

Ziya Gökalp ist der Gründervater des Türkçülük, also des Bekenntnisses zu türkischer Sprache, Geschichte und Kultur. Er fasst die Ergenekon-Sage in Verse: Im Inneren des eisernen Berges findet ein Wolf einen Weg, und der Schmied, der ihm folgt, erhält den Namen „Bozkurt“7.

Genauigkeit ist wichtig: In den Ergenekon-Erzählungen von Reşîdüddîn aus dem 14. Jahrhundert und von Ebulgazi Bahadır Han aus dem 17. Jahrhundert wird der eiserne Berg geschmolzen, einen Wolf, der den Weg weist, gibt es dort aber nicht. Der erste bekannte Text, in dem der Wolf den Weg zeigt, ist Gökalps Gedicht8.

1927

Banknote zu 5 Türkischen Lira von 1927: im Oval in der Mitte ein laufender Grauer Wolf, links die Burg von Ankara, rechts das erste Parlamentsgebäude

Der Graue Wolf auf dem Geld der Republik

Die ersten Banknoten der Republik kamen am 5. Dezember 1927 in Umlauf. Auf der Vorderseite der Scheine zu 5 und 10 Lira ist neben der Burg von Ankara ein Grauer Wolf abgebildet9. Auch die ab 1926 gedruckten Briefmarken zu 10 Para zeigten das Motiv „legendärer Schmied und Grauer Wolf“10.

Der Graue Wolf war also ein nationales Symbol auf dem amtlichen Geld und den Briefmarken der jungen Republik, mehr als 40 Jahre bevor die Ülkücü-Bewegung entstand.

Bild: TCMB, 1927, gemeinfrei

1968

Die Ülkücü-Bewegung entsteht

Die Organisation der Ülkücü-Bewegung wird auf 1968 datiert11. Zu diesem Zeitpunkt ist das Symbol des Grauen Wolfs, gerechnet ab der Bugut-Inschrift, rund 1.400 Jahre alt. Wenn eine Bewegung ein Symbol übernimmt, wird es dadurch nicht ihr Eigentum.

1990er

Das Handzeichen verbreitet sich

Die Verbreitung des heutigen Handzeichens geht auf die frühen 1990er-Jahre zurück. Einer Darstellung zufolge lernte Alparslan Türkeş das Zeichen 1991 von jungen Gagausen, die Ankara besuchten. Diese hatten es bei jungen Anhängern der Ülkücü-Bewegung in Istanbul gesehen12. Einer anderen Darstellung zufolge verwendete Türkeş das Zeichen 1992 in Baku.

2019

Österreich verbietet das Zeichen

Am 1. März 2019 tritt die Änderung des Symbole-Gesetzes in Kraft: Die Gruppierung „Graue Wölfe“ wird in das Gesetz aufgenommen, das die Symbole von IS und Al-Qaida verbietet. Erstmals erfasst das Gesetz auch Handzeichen1314.

2020

Frankreich löst auf, Deutschland diskutiert

Am 4. November gibt Frankreich die Auflösung der De-facto-Gruppierung „Les Loups gris“ bekannt15. Am 18. November nimmt der Deutsche Bundestag einen Antrag an, der die Prüfung von Verboten gegen Ülkücü-Vereine verlangt16.

2024

Stadion und Strafe

Am 1. Januar steigt in Österreich die Höchstgeldstrafe von 4.000 € auf 10.000 €17. Am 2. Juli bringt sein Torjubel in Leipzig Merih Demiral eine Sperre der UEFA für zwei Spiele ein18.

2026

Kein Verbot, der Ton ändert sich

In der Entschließung des Europäischen Parlaments vom 17. Juni 2026 fehlt die Formulierung von 2021, die Gruppe „in die Terrorliste aufzunehmen“19. Im Juli 2026 teilt die Bundesregierung mit, dass sie sich zu Verbotsüberlegungen nicht äußert. Zeichen und Vereine sind in Deutschland erlaubt20.

Auch Europa ist mit dem Wolf groß geworden

Der Wolf lebt auch in Europas eigenen Gründungsmythen und Stadtwappen. Europa beurteilt diese Symbole nach ihrem Kontext. Wir wollen, dass für den türkischen Wolf derselbe Maßstab gilt.

Bronzestatue der Wölfin, die die Zwillinge säugt, in den Kapitolinischen Museen in Rom

Die Wölfin Roms

Im Gründungsmythos Roms säugt eine Wölfin Romulus und Remus. Die bronzene Wölfin der Kapitolinischen Museen steht dort seit 1471. Die Figuren der Zwillinge wurden im 15. Jahrhundert hinzugefügt21.

Die Ähnlichkeit mit der Aşina-Sage ist auffällig: Beide Völker führen ihre Herkunft auf eine Wölfin zurück, die ein Kind nährt.

Bild: Jastrow, gemeinfrei

Der Wolf in deutschen und österreichischen Wappen

Das Wappen von Passau zeigt seit 1432 auf silbernem Grund einen aufgerichteten roten Wolf. Im Wappen von Wolfsburg schreitet ein goldener Wolf über den Zinnen einer Burg. Auch das Wappen der Stadt Wolfsberg in Kärnten zeigt einen schwarzen Wolf22.

Niemand käme auf die Idee, diese Wappen zu verbieten, denn ihr Kontext ist klar. Genau diesen Maßstab des Kontexts wollen auch wir.

Deutschland unterscheidet beim eigenen Wolfssymbol nach dem Kontext

Die Wolfsangel wurde in der NS-Zeit von SS-Verbänden verwendet, außerdem von einer neonazistischen Jugendorganisation, die 1982 verboten wurde. Dennoch schreibt das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV):

„Davon unabhängige Verwendungen, wie z. B. in Stadt- und Vereinswappen sind nicht strafbar.“23

Selbst bei einem Symbol, das die Nationalsozialisten verwendet haben, achtet Deutschland auf den Kontext. Denselben Maßstab für ein 1.400 Jahre altes türkisches Symbol zu verlangen, ist kein Privileg, sondern Gleichbehandlung.

Die Dokumente im Dossier

Drei Länder, drei Wege. Österreich hat das Zeichen verboten, Frankreich hat eine Gruppe aufgelöst. Deutschland hat bis heute weder das Zeichen noch die Vereine verboten.

Sehen Sie sich zuerst die Übersicht an, dann die Dokumente selbst. Bei jedem Dokument haben wir die Begründung der Gegenseite unverfälscht zusammengefasst und erst danach unsere Antwort geschrieben.

Der Stand heute

Stand: 27. Oktober 2026, nach amtlichen Dokumenten.

LandHandzeichenWas wurde getan?RechtsgrundlageSanktion
Österreich Verbotenseit 1. März 2019 Gruppierung „Graue Wölfe“ ins Symbole-Gesetz aufgenommen; das Handzeichen ist in der Verordnung beschrieben.Der Verfassungsgerichtshof verlangt eine Prüfung jedes Einzelfalls. Symbole-Gesetz § 1 Z 4BGBl. I Nr. 2/2019 und BGBl. II Nr. 58/2019 Verwaltungsstrafe bis 10.000 €Im Wiederholungsfall bis 20.000 € (seit 2024)
Frankreich Nicht verboten De-facto-Gruppierung „Les Loups gris“ aufgelöst.4. November 2020, Dekret des Ministerrats Code de la sécurité intérieure, L. 212-1Nr. 1° und 6° Fortführung der aufgelösten Gruppe strafbarDas Zeichen selbst ist erlaubt
Deutschland Nicht verboten Der Bundestag verlangte 2020, Vereinsverbote zu prüfen; bis heute gibt es kein Verbot. § 86a StGB greift nichtErfasst nur Kennzeichen verbotener Organisationen BeobachtungVerfassungsschutzbericht: geschätzt 13.500 Personen (2025)
EU Kein Verbot Das Europäische Parlament forderte 2021, eine Aufnahme in die Terrorliste und ein Vereinsverbot zu prüfen; in der Entschließung von 2026 fehlt die Terrorliste. Entschließungen des Parlaments sind EmpfehlungenNicht bindend Nicht auf der EU-Terrorliste

Die Dokumente im Einzelnen

Wenn Sie ein Dokument öffnen, sehen Sie den Originaltitel, den Inhalt, die Begründung, auf die es sich stützt, und unsere Antwort auf einen Blick.

Verbot

ÖsterreichBundesgesetz, BGBl. I Nr. 2/2019

Bundesgesetz, mit dem das Symbole-Gesetz geändert wird

Novelle des österreichischen Symbole-Gesetzes

Es nahm die Gruppierung „Graue Wölfe“ in das Verbot auf und erweiterte das Gesetz: Neben Abzeichen und Emblemen erfasst es nun auch Gesten. In Kraft getreten am 1. März 2019.

Bundesgesetz, mit dem das Symbole-Gesetz geändert wird

Bundesgesetzblatt BGBl. I Nr. 2/2019, 9. Januar 2019. In Kraft: 1. März 2019.

Was steht im Dokument?

Das Gesetz war 2014 erlassen worden, um die Symbole von IS und Al-Qaida zu verbieten. In § 1 wurde nun als Ziffer 4 die Gruppierung „Graue Wölfe“ eingefügt. In § 2 wurde die Wendung „Abzeichen und Embleme“ durch „Abzeichen, Embleme und Gesten“ ersetzt. Damit konnte im österreichischen Recht erstmals eine Handbewegung verboten werden13.

„Als Symbole sind auch Abzeichen, Embleme und Gesten anzusehen.“
§ 2 Abs. 1

Die Begründung

Das Gesetz geht davon aus, dass die aufgeführten Gruppierungen ein zur Gewalt aufrufendes Ideengut vertreten und dass das öffentliche Zeigen ihrer Symbole dieses Ideengut verbreitet24. Neben den Grauen Wölfen erfasst das Gesetz auch die Symbole von Organisationen auf der EU-Terrorliste.

Unsere Antwort

  • Symbol und Gruppe sind nicht dasselbe. Das Gesetz zielt auf die Gruppierung „Graue Wölfe“. Der Wolf, den das Zeichen darstellt, gehört aber seit dem 6. Jahrhundert zum türkischen Erbe. Gruppen kommen und gehen, das Symbol bleibt, denn es gehört keiner Gruppe.
  • Österreichs eigener Verfassungsgerichtshof hat eine Grenze gezogen. Für eine Strafe muss in jedem Einzelfall gesondert festgestellt werden, dass mit der Verwendung des Symbols das zur Gewalt aufrufende Ideengut der Gruppierung gutgeheißen oder propagiert wird24. Ein Torjubel oder ein Familienfoto erfüllt dieses Kriterium nicht automatisch.
  • Im selben Gesetz wie Terrororganisationen zu stehen, heißt nicht, dasselbe zu sein. Die Ülkü Ocakları stehen nicht auf der Terrorliste der EU25. Das Europäische Parlament hat in seiner Entschließung von 2026 die Forderung nach der Terrorliste nicht wiederholt19.
  • Die Praxis zeigt es. Im ersten Jahr des Gesetzes, 2019, gab es in den Bundesländern außer Wien 20 Anzeigen im Zusammenhang mit Bozkurt-Symbolen. Von den 9 Anzeigen in Oberösterreich wurden 8 eingestellt, nur eine endete mit einer Strafe26. Für die Jahre danach haben wir keine veröffentlichten amtlichen Zahlen gefunden. Das Bild des ersten Jahres legt aber nahe, dass das Verbot weniger einem echten Sicherheitsbedürfnis dient, als dass es eine Gemeinschaft symbolisch brandmarkt.

Die offizielle Reaktion der Türkei

Das türkische Außenministerium erklärte am 14. Februar 2019, es erkenne das Verbot nicht an und verurteile es „aufs Schärfste“ (şiddetle). Dass das Wolfszeichen auf derselben Liste steht wie das Symbol einer Terrororganisation wie der PKK, nannte es „einen regelrechten Skandal“ (tam bir skandal)27.

Das Dokument selbst

BGBl. I Nr. 2/2019, Rechtsinformationssystem des Bundes (RIS), PDF

Verbot

ÖsterreichVerordnung des Innenministeriums, BGBl. II Nr. 58/2019

Symbole-Bezeichnungsverordnung, Anlage Nr. 20

Verordnung mit den Beschreibungen der verbotenen Symbole

Das Bundesministerium für Inneres beschreibt darin die verbotenen Symbole einzeln. Nr. 20 der Anlage beschreibt das Handzeichen Finger für Finger; Nr. 19 ist dem Wolfsemblem der Gruppierung gewidmet.

Symbole-Bezeichnungsverordnung, Anlage Nr. 20

Verordnung des Bundesministers für Inneres, mit der die Symbole-Bezeichnungsverordnung geändert wird. BGBl. II Nr. 58/2019, 27. Februar 2019. Die Nummern 15–23 der Anlage traten am 1. März 2019 in Kraft14.

Was steht im Dokument?

Die Anlage der Verordnung beschreibt, wie die verbotenen Symbole aussehen. Das Handzeichen ist so beschrieben (Wortlaut zitiert nach der Entscheidung des österreichischen Verwaltungsgerichtshofs von 202428):

„Handzeichen der Gruppierung „Graue Wölfe“ (sog. „Wolfsgruß“), der Daumen wird mit dem Ring- und Mittelfinger zusammengelegt, der Zeigefinger und der kleine Finger stehen dabei nach oben ab.“

Die Begründung

Damit ein Verbot angewendet werden kann, muss konkret beschrieben sein, was verboten ist. Deshalb beschreibt die Verordnung das Aussehen der Embleme der Gruppierung und des Handzeichens.

Unsere Antwort

  • Die Beschreibung selbst zeigt das Problem. Die beschriebene Handform gleicht fast genau dem „Schweigefuchs“, der an deutschen Schulen als Zeichen für Ruhe verwendet wird. Ob eine Geste strafbar ist, hängt nicht von der Stellung der Finger ab, sondern von Absicht und Kontext.
  • Bestimmtheitsgebot. Bürgerinnen und Bürger müssen vorher wissen können, was strafbar ist. Wann dieselbe Handform als „Gruß“ gilt und wann als Spiel oder Nachahmung, steht nicht in der Verordnung. Das zeigt sich erst im Nachhinein, in der Entscheidung von Polizei und Gericht.
  • Das Verbot schafft Unsicherheit, die bis in die Vergangenheit reicht. Für ein Facebook-Foto, das 2016 geteilt worden war, also drei Jahre vor dem Verbot, wurde eine Strafe von 400 € verhängt. Der Verwaltungsgerichtshof hob die Strafe wegen eines Verfahrensfehlers auf. Er wertete es aber als Dauerdelikt, dass der Beitrag nach dem 1. März 2019 online blieb28. Ein Foto von vor Jahren kann also heute zum Problem werden.

Das Dokument selbst

BGBl. II Nr. 58/2019, RIS, PDF

Strafen erhöht

ÖsterreichBundesgesetz, BGBl. I Nr. 177/2023

Verbotsgesetz-Novelle 2023, Artikel 5

Artikel 5 ändert das Symbole-Gesetz

Die Höchststrafe im Symbole-Gesetz stieg von 4.000 € auf 10.000 €, im Wiederholungsfall von 10.000 € auf 20.000 €. Rechtskräftige Strafen werden nun den Sicherheitsbehörden gemeldet. In Kraft getreten am 1. Januar 2024.

Verbotsgesetz-Novelle 2023, Artikel 5

Novelle 2023 zum Verbotsgesetz. BGBl. I Nr. 177/2023, 30. Dezember 2023. In Kraft: 1. Januar 202417.

Was steht im Dokument?

Das Paket ändert vor allem das Verbotsgesetz, das NS-Propaganda verbietet. Artikel 5 erhöht dagegen die Strafen im Symbole-Gesetz. Die Freiheitsstrafen blieben gleich: bis zu einem Monat, im Wiederholungsfall bis zu sechs Wochen.

„… werden der Betrag „4 000 Euro“ durch den Betrag „10 000 Euro“ und der Betrag „10 000 Euro“ durch den Betrag „20 000 Euro“ ersetzt.“

Die Begründung

Die Strafen sollen stärker abschrecken, und der Kampf gegen extremistische Symbole soll in einem gemeinsamen Paket gestärkt werden.

Unsere Antwort

  • Das türkische Wolfssymbol im selben Gesetzespaket wie NS-Propaganda. Diese Nebeneinanderstellung hat historisch keine Grundlage: Der Graue Wolf ist mehr als 1.300 Jahre älter als der Nationalsozialismus.
  • Abschreckung sollte auf Gewalt zielen, nicht auf eine Handbewegung. Drohung, Aufhetzung und Gewalt sind in Österreich bereits nach dem Strafgesetzbuch strafbar. Die Strafe wurde erhöht, die Unbestimmtheit des Gesetzes aber nicht beseitigt.
  • Eine Handbewegung in den Akten. Wenn rechtskräftige Strafen den Sicherheitsbehörden gemeldet werden, kann ein Torjubel oder ein Foto in den Unterlagen der Sicherheitsbehörden landen. Das ist mit dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nicht vereinbar.

Das Dokument selbst

BGBl. I Nr. 177/2023, RIS, PDF

Präzedenzfall

ÖsterreichVerfassungsgerichtshof, E 3120/2021

VfGH-Erkenntnis E 3120/2021

Erkenntnis des österreichischen Verfassungsgerichtshofs

Der österreichische Verfassungsgerichtshof machte eine Strafe nach dem Symbole-Gesetz von einer Prüfung jedes Einzelfalls abhängig. Es stützte sich dabei auf das Vajnai-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR).

VfGH-Erkenntnis E 3120/2021

Erkenntnis des österreichischen Verfassungsgerichtshofs vom 8. März 202224.

Was steht im Dokument?

Das Verfahren betraf das vollständige Verbot einer Versammlung wegen der Verwendung der Fahne einer gelisteten Organisation (PKK). Das Gericht hielt die Novelle von 2019 nicht für verfassungswidrig. Das pauschale Verbot der Versammlung wertete es aber als Verletzung der Versammlungsfreiheit und legte für eine Strafe folgenden Maßstab fest:

„… mit der Verwendung des verbotenen Symboles das spezifische zur Anwendung von Gewalt aufrufende Ideengut der Gruppierung gutgeheißen oder propagiert werden …“

Was das für uns bedeutet

  • Selbst in Österreich gilt das Verbot nicht grenzenlos. Ein Symbol zu verwenden, reicht allein nicht aus. Es muss konkret gezeigt werden, dass mit dieser Verwendung ein zur Gewalt aufrufendes Ideengut gutgeheißen wird.
  • Die europäische Rechtsprechung ist auf unserer Seite. Das Gericht stützte diesen Maßstab auf das Vajnai-Urteil des EGMR. Dieses Urteil hatte das generelle Verbot mehrdeutiger Symbole als Verletzung der Meinungsfreiheit gewertet29.
  • Der Grundsatz gilt für alle. Auch wenn es im Verfahren um die Fahne einer anderen Organisation ging, gilt der Maßstab für alle Symbole gleich: Ein Torjubel beim Fußball oder ein Familienfoto ist keine Propaganda für ein zur Gewalt aufrufendes Ideengut.

Das Dokument selbst

VfGH, E 3120/2021, 8. März 2022, PDF

Auflösung

FrankreichDekret des Ministerrats

Décret du 4 novembre 2020 portant dissolution d'un groupement de fait

Dekret vom 4. November 2020 über die Auflösung einer De-facto-Gruppierung

Frankreich löste eine nicht eingetragene De-facto-Gruppierung auf, die als „Les Loups gris“ bezeichnet wird. Grundlage: Aufruf zu bewaffneten Kundgebungen auf der Straße sowie Aufstachelung zu Diskriminierung, Hass und Gewalt. Das Handzeichen wurde nicht verboten.

Décret du 4 novembre 2020 portant dissolution d'un groupement de fait

Auf Deutsch: Dekret über die Auflösung einer De-facto-Gruppierung. Im Ministerrat beschlossen, am 5. November 2020 im Amtsblatt (Journal officiel) veröffentlicht3015.

Was steht im Dokument?

Rechtsgrundlage sind Nr. 1 (Aufruf zu bewaffneten Kundgebungen auf der Straße) und Nr. 6 (Aufstachelung zu Diskriminierung, Hass oder Gewalt) von Artikel L. 212-1 des französischen Gesetzbuchs über die innere Sicherheit. In der offiziellen Antwort des Innenministeriums an die Nationalversammlung wird die Begründung so zusammengefasst:

« ce groupement provoquait à des manifestations armées dans la rue »
Übersetzung: „Diese Gruppierung rief zu bewaffneten Kundgebungen auf der Straße auf.“15

Die Begründung

Nach dem in der Presse wiedergegebenen Text des Dekrets wurde Folgendes geltend gemacht: Am 24. Juli 2020 hätten rund 70 Mitglieder der Gruppe in Décines-Charpieu bei einer Gegendemonstration zu einer Kundgebung eines armenischen Vereins zu Gewalt aufgerufen und Waffen eingesetzt. Am 28. Oktober sei es in Vienne erneut zu Gewalt gekommen. Die Gruppe vertrete ein Gedankengut, das zu Diskriminierung und Gewalt gegen Menschen kurdischer und armenischer Herkunft aufstachle. Nachdem am 1. November das armenische Denkmal in Décines mit den Schriftzügen „Loup Gris“ und „RTE“ beschmiert worden war, kündigte der Innenminister am 2. November die Auflösung an.

Unsere Antwort

  • Gewalt ist eine Straftat, und Täter gehören vor ein Strafgericht. Die im Dekret genannten Vorfälle sind Gegenstand individueller Strafverfahren. Wir verteidigen weder die Beschädigung eines Denkmals noch den Einsatz von Waffen bei einer Kundgebung.
  • Aufgelöst wurde kein eingetragener Verein. Nach Angaben des türkischen Außenministeriums gab es in Frankreich ohnehin keine Bewegung namens „Graue Wölfe“31. Gibt es keine offizielle Struktur, die man schließen könnte, dann besteht die eigentliche Wirkung des Dekrets darin, das Symbol einer Gemeinschaft mit Straftaten in eine Reihe zu stellen.
  • Auch Frankreich hat zwischen Symbol und Handlung unterschieden. Das Dekret hat das Handzeichen nicht verboten; es ist in Frankreich bis heute erlaubt. Genau diese Unterscheidung vertreten auch wir.
  • Der Zeitpunkt. Die Auflösung erfolgte mitten in den Spannungen, die der Krieg um Bergkarabach zwischen den Gemeinschaften in Frankreich ausgelöst hatte, und nur zwei Tage nach der Ankündigung. Dieses Tempo zeigt, dass die Entscheidung ebenso eine politische wie eine rechtliche Botschaft hatte.

Zur Ehrlichkeit gehört: Der EGMR hat das französische Auflösungssystem nach L. 212-1 im Jahr 2020 grundsätzlich als mit der Konvention vereinbar bewertet32. Unser Einwand richtet sich deshalb nicht gegen die formale Rechtmäßigkeit des Dekrets, sondern dagegen, dass es ein Symbol mit den Taten einer Gruppe gleichsetzt.

Die offizielle Reaktion der Türkei

“Bugün Fransız Hükümeti tarafından lağvedildiği açıklanan ‘Bozkurtlar’ isimli bir hareket olmadığı esasen bilinmektedir.”
Übersetzung: „Bekanntlich gibt es gar keine Bewegung namens ‚Graue Wölfe‘, deren Auflösung die französische Regierung heute bekannt gegeben hat.“ – Türkisches Außenministerium, Nr. 276, 4. November 202031

Das Dokument selbst

Légifrance, JORFTEXT000042494924

Prüfauftrag

DeutschlandBeschluss des Bundestages, Drucksache 19/24388

Nationalismus und Rassismus die Stirn bieten – Einfluss der Ülkücü-Bewegung zurückdrängen

Gemeinsamer Antrag von CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen

Der Bundestag forderte die Bundesregierung auf, Verbote gegen Ülkücü-Vereine zu prüfen. Das ist kein Verbot, sondern ein Prüfauftrag. In den sechs Jahren seither ist kein Verbot erfolgt.

Nationalismus und Rassismus die Stirn bieten – Einfluss der Ülkücü-Bewegung zurückdrängen

Gemeinsamer Antrag von CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen, eingebracht am 17. November 2020, angenommen am 18. November 202016.

Was steht im Dokument?

Der Antrag stützt sich auf die Schätzung des Verfassungsschutzes von rund 11.000 Personen, nennt ADÜTDF und ATİB als Dachverbände und begrüßt die Auflösungsentscheidung Frankreichs. Er fordert die Bundesregierung auf, den Einfluss der Bewegung in Europa zurückzudrängen, sie zu beobachten, Bildungsprogramme zu fördern und folgenden Schritt zu gehen:

„… gegen die Vereine der „Ülkücü“-Bewegung Organisationsverbote zu prüfen …“

In der Abstimmung stimmten CDU/CSU, SPD, FDP, Grüne und Linke dafür, die AfD dagegen. Am selben Tag wurden die Anträge der Linken und der AfD abgelehnt, die direkt ein Verbot forderten33.

Die Begründung

Nach Auffassung der Mehrheit im Bundestag vertritt die Ülkücü-Bewegung eine ultranationalistische und rassistische Ideologie, übt Einfluss auf junge Menschen aus und bedroht den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland. Der Schritt Frankreichs wird als Vorbild genannt.

Unsere Antwort

  • Der Bundestag hat ein direktes Verbot abgelehnt. Am selben Tag wurden zwei Verbotsanträge abgelehnt. Der angenommene Text spricht nur von „prüfen“.
  • Sechs Jahre später gibt es kein Verbot. Die Bundesregierung teilte im Juli 2026 mit, dass sie sich zu Verbotsüberlegungen grundsätzlich nicht äußert20. Vereine und Zeichen sind in Deutschland bis heute legal.
  • Der rechtliche Mechanismus ist klar. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages schrieben 2018, dass die Symbole der „Grauen Wölfe“ nur verboten werden können, wenn ein Verein verboten wird, der sie verwendet34. Ein Symbol soll also über einen Vorwurf bestraft werden, der einem Verein gemacht wird.
  • Der Titel zeigt auf das falsche Ziel. Der Kampf gegen Rassismus ist legitim, und wir unterstützen ihn. Wer aber das gemeinsame Symbol von Millionen Menschen türkischer Herkunft mit der Überschrift „Rassismus“ gleichsetzt, lenkt diesen Kampf in die falsche Richtung.

Das Dokument selbst

Drucksache 19/24388, Bundestag, PDF

Beobachtung

DeutschlandVerfassungsschutzbericht

Verfassungsschutzbericht 2025: Türkischer Rechtsextremismus

Jahresbericht des Bundesamts für Verfassungsschutz

Das Bundesamt für Verfassungsschutz schätzt die Anhängerschaft für 2025 auf 13.500 Personen. Keiner der im Bericht genannten Vereine ist verboten.

Verfassungsschutzbericht 2025: Türkischer Rechtsextremismus

Verfassungsschutzbericht 2025, Kapitel „Auslandsbezogener Extremismus“. Vorgestellt am 30. Juni 2026 vom Bundesinnenminister und vom Präsidenten des BfV35.

Was steht im Dokument?

Der Bericht schätzt die Zahl der Anhänger des „türkischen Rechtsextremismus“ auf 12.500 für 2023, 12.900 für 2024 und 13.500 für 2025. Rund 10.500 davon ordnet er drei Dachverbänden zu: ADÜTDF (rund 7.000), ATİB (rund 2.500) und ANF (rund 1.000). Rund 3.000 Personen rechnet er dem nicht organisierten Spektrum zu20.

„Sie beruft sich auf eine extrem nationalistische bis rechtsextremistische Ideologie, die von Elementen wie Rassismus, Antisemitismus und einer Überhöhung des Türkentums geprägt ist.“

Die Begründung

Nach Auffassung des BfV steht die Ideologie der Bewegung im Widerspruch zu Verfassungsgrundsätzen wie der Menschenwürde und der Gleichheit. Deshalb wird sie nachrichtendienstlich beobachtet.

Unsere Antwort

  • Ein Bericht des Verfassungsschutzes ist kein Gerichtsurteil. Keiner der im Bericht genannten Vereine wurde verboten; alle sind legal tätig.
  • Achten Sie auf die Größenordnung. Die Schätzung von 13.500 Personen entspricht etwa einem halben Prozent der rund 2,6 Millionen Menschen türkischer Herkunft in Deutschland36. Wer ein Symbol über diese kleine Gruppe definiert, blendet die übrigen 99,5 Prozent aus.
  • Auch wir lehnen Rassismus und Antisemitismus ab. Die Bewertungen im Bericht beziehen sich auf Aussagen bestimmter Personen und Organisationen. Sie betreffen nicht ein 1.400 Jahre altes Symbol, nicht jeden, der es verwendet, und nicht ein ganzes Volk.

Das Dokument selbst

Verfassungsschutzbericht 2025, BfV

Empfehlung

Europäisches ParlamentEntschließung, P9_TA(2021)0243, Ziffer 16

Resolution on the 2019–2020 Commission Reports on Turkey

Entschließung zu den Berichten der Kommission von 2019 und 2020 über die Türkei

Das Parlament forderte die EU und die Mitgliedstaaten auf, eine Aufnahme der Grauen Wölfe in die EU-Terrorliste und ein Verbot ihrer Vereine zu prüfen. Die Entschließung ist nicht bindend; eine solche Listung ist nie erfolgt.

Resolution on the 2019–2020 Commission Reports on Turkey

Auf Deutsch: Entschließung des Europäischen Parlaments zu den Berichten der Kommission von 2019 und 2020 über die Türkei, 19. Mai 2021, Ziffer 1637.

Was steht im Dokument?

“… calls on the EU and its Member States to examine the possibility of adding Grey Wolves to the EU terrorist list, to ban their associations …”
Übersetzung: „… fordert die EU und ihre Mitgliedstaaten auf, die Möglichkeit zu prüfen, die Grauen Wölfe auf die EU-Terrorliste zu setzen und ihre Vereinigungen zu verbieten …“

Die Begründung

Das Parlament bezeichnet die Ülkücü-Bewegung als rassistisch und rechtsextremistisch und zeigt sich über sie sehr besorgt.

Unsere Antwort

  • Nicht bindend. Die jährlichen Länderberichte des Europäischen Parlaments haben Empfehlungscharakter. Über die Aufnahme in die EU-Terrorliste entscheidet der Rat, und in fünf Jahren wurde kein solcher Beschluss gefasst25.
  • Die Forderung wurde nicht wiederholt. In der Entschließung von 2026 wurde die Forderung nach der Terrorliste nicht wiederholt19.
  • Das Gründungssymbol eines Volkes gehört nicht auf eine Terrorliste. Die Terrorliste ist für Strukturen gedacht, die Gewalttaten planen und verüben. Wer ein Symbol oder die Gemeinschaft, die es verwendet, in die Nähe dieser Liste rückt, verwässert auch den Kampf gegen den Terror.

Das Dokument selbst

P9_TA(2021)0243, Europäisches Parlament

Empfehlung

Europäisches ParlamentEntschließung, TA-10-2026-0215, Ziffer 23

Resolution on the 2025 Commission report on Türkiye

Entschließung zum Bericht der Kommission von 2025 über die Türkei

Das Parlament wiederholt seine Besorgnis und fordert, Vereinsverbote zu prüfen. Die Forderung von 2021, die Gruppe „in die Terrorliste aufzunehmen“, fehlt in dieser Entschließung jedoch.

Resolution on the 2025 Commission report on Türkiye

Auf Deutsch: Entschließung des Europäischen Parlaments zum Bericht der Kommission von 2025 über die Türkei, 17. Juni 2026, Ziffer 2319.

Was steht im Dokument?

“… calls for the EU and its Member States to examine the possibility of banning their associations in EU countries …”
Übersetzung: „… fordert die EU und ihre Mitgliedstaaten auf, die Möglichkeit eines Verbots ihrer Vereinigungen in den EU-Ländern zu prüfen …“

Was das für uns bedeutet

  • Die Forderung nach der Terrorliste ist weggefallen. Die Formulierung von 2021, die Gruppe „in die EU-Terrorliste aufzunehmen“, steht nicht in der Entschließung von 2026. Die dazwischen angenommene Entschließung vom 7. Mai 2025 erwähnt die Grauen Wölfe überhaupt nicht.
  • Nach fünf Jahren immer noch „prüfen“. Das Parlament wiederholt seit fünf Jahren denselben Aufruf; weder in Deutschland noch auf EU-Ebene wurden Ülkücü-Vereine verboten. Aus unserer Sicht spricht das dafür, dass sich keine tragfähige rechtliche Begründung für ein Verbot findet.

Das Dokument selbst

TA-10-2026-0215, Europäisches Parlament

Sperre

UEFAEntscheidung der UEFA-Berufungsinstanz

UEFA Appeals Body: Merih Demiral suspended for two matches

UEFA-Berufungsinstanz: Sperre von zwei Spielen für Merih Demiral

Merih Demiral zeigte das Zeichen im Spiel gegen Österreich als Torjubel und wurde für zwei Spiele gesperrt. Er verpasste das Viertelfinale gegen die Niederlande.

UEFA Appeals Body: Merih Demiral suspended for two matches

Auf Deutsch: Eilentscheidung der UEFA-Berufungsinstanz vom 5. Juli 202418.

Was steht im Dokument?

Im Achtelfinale am 2. Juli 2024 in Leipzig besiegte die Türkei Österreich mit 2:1. Demiral zeigte das Zeichen nach dem zweiten Tor. Die UEFA leitete am nächsten Tag eine Untersuchung ein und gab die Strafe am 5. Juli bekannt. Nach dem in der Presse wiedergegebenen Entscheidungstext wurde die Strafe so begründet:

“… for failing to comply with the general principles of conduct, for violating the basic rules of decent conduct, for using sports events for manifestations of a non-sporting nature and for bringing the sport of football into disrepute.”
Übersetzung: „… wegen Missachtung der allgemeinen Verhaltensgrundsätze, Verletzung der Grundregeln anständigen Verhaltens, Nutzung von Sportveranstaltungen für Kundgebungen nichtsportlicher Art und Schädigung des Ansehens des Fußballs.“

Die Begründung

Bundesinnenministerin Nancy Faeser schrieb am 3. Juli: „Die Symbole türkischer Rechtsextremisten haben in unseren Stadien nichts zu suchen.“ Deutschland bestellte am 4. Juli den türkischen Botschafter ins Auswärtige Amt ein.

Unsere Antwort

  • Das Zeichen ist in Deutschland nicht verboten. Daran erinnerte das türkische Außenministerium am 3. Juli. Die Reaktionen selbst enthielten nach seiner Einschätzung Fremdenfeindlichkeit38.
  • Keine Gleichbehandlung. Bei der WM 2018 zeigten Schweizer Spieler im Spiel gegen Serbien den albanischen Doppeladler. Die FIFA verhängte nur Geldstrafen, gesperrt wurde keiner39. Demiral dagegen verpasste das Viertelfinale.
  • Der Weg zu einer unabhängigen Kontrolle war versperrt. Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) prüfte die Beschwerde nicht, weil die UEFA-Statuten Sperren von bis zu zwei Spielen davon ausnehmen. Die Strafe wurde keiner unabhängigen gerichtlichen Kontrolle unterzogen.
  • Die UEFA ist kein Gericht. Die Entscheidung stellt keine Straftat fest. Ein Sportverband hat seine eigene Disziplinarregel angewendet. Sie als Beweis dafür anzuführen, dass „das Zeichen strafbar ist“, ist falsch.

Die offizielle Reaktion der Türkei

Das türkische Außenministerium äußerte am 5. Juli sein Bedauern über die Strafe40. Die Türkei hatte am 3. Juli den deutschen Botschafter ins Außenministerium einbestellt.

Was sagt das Recht?

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat das generelle Verbot eines Symbols mit mehreren Bedeutungen bereits als Verletzung der Meinungsfreiheit gewertet. Deutschland, Österreich und Frankreich erkennen die Zuständigkeit dieses Gerichtshofs an. Alle drei sind Vertragsstaaten der Europäischen Menschenrechtskonvention.

Der Waagebalken ist bewusst schief: Alle, die ein Symbol tragen, mit den wenigen über einen Kamm zu scheren, die es missbrauchen, ist unverhältnismäßig.

Vajnai gegen Ungarn

EGMR, Beschwerde Nr. 33629/06
8. Juli 2008, einstimmig: Verletzung

“… this indiscriminate feature of the prohibition corroborates the finding that it is unacceptably broad.”„Dieses unterschiedslose Merkmal des Verbots bestätigt die Feststellung, dass es in unannehmbarer Weise zu weit gefasst ist.“ (§ 56)29

Ein Politiker war bestraft worden, weil er einen roten Stern getragen hatte. Der Gerichtshof stellte fest, dass ein Symbol mit mehreren Bedeutungen nicht mit seiner gefährlichsten Bedeutung gleichgesetzt werden darf. Außerdem könne das Unbehagen in der Öffentlichkeit nicht die Grenze der Meinungsfreiheit bestimmen, sonst entstehe eine Art „Veto der Störer“ (§ 57). Lehre für den Bozkurt: Dass ein Symbol manche Kreise stört, ist für sich genommen kein Verbotsgrund.

Fáber gegen Ungarn

EGMR, Beschwerde Nr. 40721/08
24. Juli 2012, 6 zu 1 Stimmen: Verletzung

“… ill feelings or even outrage, in the absence of intimidation, cannot represent a pressing social need …”„Ohne Einschüchterung können Verstimmung oder sogar Empörung kein dringendes soziales Bedürfnis darstellen.“ (§ 56)41

Ein Mann war bestraft worden, weil er in der Nähe einer Demonstration gegen Rassismus die Árpád-Streifenfahne gezeigt hatte. Diese Fahne hatten in den 1940er-Jahren auch die faschistischen Pfeilkreuzler verwendet. Der Gerichtshof entschied dennoch, dass eine Bestrafung ohne Einschüchterung oder Aufstachelung eine Verletzung darstellt. Lehre für den Bozkurt: Entscheidend ist nicht das Symbol selbst, sondern ob eine konkrete Bedrohung vorliegt.

Österreichischer Verfassungsgerichtshof

VfGH, E 3120/2021
8. März 2022

„… das spezifische zur Anwendung von Gewalt aufrufende Ideengut der Gruppierung gutgeheißen oder propagiert …“24

Der Verfassungsgerichtshof gerade des Landes, das das Verbot erlassen hat, verlangte unter Berufung auf das Vajnai-Urteil eine gesonderte Prüfung jedes Einzelfalls. Lehre für den Bozkurt: Selbst in Österreich reicht es nicht, das Zeichen zu zeigen. Es muss konkret nachgewiesen werden, dass ein zur Gewalt aufrufendes Ideengut gutgeheißen wird.

Vier Rechtsgrundsätze

Mit diesen vier Fragen können Sie prüfen, ob ein Verbot legitim ist. Es sind die Maßstäbe des europäischen Rechts selbst.

Verhältnismäßigkeit

Ein Staat, der ein Grundrecht einschränkt, muss darlegen, ob er sein Ziel nicht auch mit einem milderen Mittel erreichen kann. Wenn Drohung und Gewalt ohnehin bestraft werden, ist das vollständige Verbot einer Handbewegung ein unnötig schweres Mittel.

Bestimmtheit

Ein Gesetz muss so klar sein, dass Bürgerinnen und Bürger im Voraus wissen können, was strafbar ist. Wann eine Handbewegung ein „Gruß“ ist und wann die Nachahmung eines Wolfs oder ein Kinderspiel, ist oft unklar.

Individuelle Verantwortung

Strafrecht ist persönlich. Die Tat eines Einzelnen kann nicht anderen angelastet werden, die dasselbe Symbol tragen. Kollektive Schuldzuweisung ist eine Methode, die der Rechtsstaat ablehnt.

Gleichbehandlung

Vergleichbare Fälle müssen vergleichbar beurteilt werden. Wenn Europa die Wolfssymbole seiner eigenen Geschichte nach ihrem Kontext beurteilt, muss es auch das türkische Wolfssymbol mit demselben Maßstab des Kontexts betrachten.

Zur Ehrlichkeit gehört: Gerichte haben nicht jedes Verbot gekippt.

Nix gegen Deutschland (2018): Der EGMR erklärte die Beschwerde eines Bloggers für unzulässig. Er war bestraft worden, weil er in seinem Blog ein Foto Himmlers in SS-Uniform mit Hakenkreuz verwendet hatte. Begründet wurde dies mit der „besonderen moralischen Verantwortung“ Deutschlands aus seiner NS-Vergangenheit und damit, dass das Hakenkreuz keine andere Bedeutung als die NS-Ideologie hat42.

Ayoub und andere gegen Frankreich (2020): Der EGMR hielt das französische System der behördlichen Auflösung nach dem Gesetzbuch über die innere Sicherheit für mit der Konvention vereinbar32.

Diese beiden Entscheidungen stützen kein Verbot des Grauen Wolfs, sie zeigen den Unterschied. In Nix grenzte der Gerichtshof das Hakenkreuz gerade vom mehrdeutigen roten Stern aus Vajnai ab: Ein eindeutiges und ein mehrdeutiges Symbol werden nicht gleich behandelt. Der Graue Wolf ist mit seiner 1.400-jährigen Geschichte, seinem Platz auf dem Geld der Republik und seiner heutigen Verwendung vom Sportler bis zum gewöhnlichen Fan offenkundig ein mehrdeutiges Symbol. Ayoub wiederum erklärt das Auflösungssystem für grundsätzlich legitim, nicht das Verbot eines Symbols.

Wir haben die stärksten Präzedenzfälle der Gegenseite nicht verschwiegen. Wer sie kennt, kann auch erklären, warum sie auf diesen Fall nicht passen.

Einwände und Antworten

Wir haben die stärksten Argumente der Gegenseite unverfälscht wiedergegeben. Wer überzeugen will, muss sein Gegenüber zuerst richtig verstehen. Ein Klick auf eine Überschrift öffnet die ausführliche Antwort mit Quelle.

Beginnen wir ehrlich: Das Handzeichen entstand unter jungen Anhängern der Ülkücü-Bewegung und verbreitete sich Anfang der 1990er-Jahre12. Das muss man nicht verschweigen. Was das Zeichen aber darstellt, nämlich den Wolf, ist in den Quellen der türkischen Geschichte seit dem 6. Jahrhundert ein Symbol der Abstammung und der Wegweisung12.

Die Bedeutung eines Symbols hängt davon ab, wer es wo und mit welcher Absicht verwendet. Bei der Europameisterschaft 2024 zeigte Merih Demiral das Zeichen als Torjubel, und es war auch auf den Tribünen zu sehen18. Ob jemand, der das Zeichen zeigt, Mitglied einer Organisation ist oder einfach seine Nationalmannschaft unterstützt, lässt sich am Zeichen selbst nicht ablesen. Ein Verbot, das nur eine einzige Bedeutung unterstellt, bestraft auch alle, die das Zeichen in einem anderen Sinn verwenden.

Nehmen Sie das Victory-Zeichen (V). Es ist auch auf Kundgebungen von Anhängern der PKK zu sehen, die jahrzehntelang einen bewaffneten Kampf führte und bis heute auf der EU-Terrorliste steht, etwa zusammen mit Fahnen mit Öcalans Bild4849. Trotzdem denkt niemand daran, dieses Zeichen zu verbieten, denn für Millionen Menschen weltweit steht es für Frieden, für Sieg oder einfach für eine Pose auf einem Foto. Dass ein Symbol missbraucht wird, rechtfertigt kein Verbot für alle. Genau diesen Maßstab fordern wir für den Grauen Wolf.

Genau das ist die Logik des Vajnai-Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte: Das generelle Verbot eines Symbols mit mehreren Bedeutungen lässt sich nicht allein mit Blick auf seine gefährlichste Bedeutung rechtfertigen29.

In der Türkei kamen in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre bei Kämpfen zwischen rechten und linken Gruppen Tausende Menschen ums Leben. Damals waren auch Personen aus dem Ülkücü-Umfeld an schweren Verbrechen beteiligt und wurden von Gerichten verurteilt. Das zu leugnen, würde unserem Anliegen schaden.

Im Rechtsstaat sind Schuld und Strafe jedoch persönlich. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte wertete sogar das generelle Verbot des roten Sterns, des Symbols von Regimen, die für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich sind, als Verletzung der Meinungsfreiheit. Denn man kann nicht jeden, der das Symbol trägt, mit den Verbrechen dieser Regime gleichsetzen29.

Derselbe Maßstab gilt für den Grauen Wolf. Ein junger Mensch, der heute das Zeichen zeigt, hat mit einem Verbrechen, das Jahrzehnte vor seiner Geburt begangen wurde, nichts zu tun.

Das österreichische Symbole-Gesetz hat neben Terrororganisationen auch die Symbole ganz unterschiedlicher Bewegungen in dasselbe Verbot aufgenommen13. Das ist Gesetzgebungstechnik, keine Feststellung, dass alle gleich sind.

Der konkrete Unterschied: Die PKK, die im selben Gesetz steht, ist auf der EU-Terrorliste geführt; IS und al-Qaida unterliegen Sanktionen der UN und der EU25. Das Europäische Parlament forderte 2021, eine Aufnahme der Grauen Wölfe in diese Liste zu prüfen. Eine solche Listung ist bis heute nicht erfolgt37.

Ein Symbol, das auf den Gründungsmythos einer Nation zurückgeht, in dieselbe Bestimmung zu schreiben wie die Zeichen von Organisationen, die Zivilisten ermorden, ist keine rechtliche Notwendigkeit, sondern eine politische Entscheidung. Den Preis dafür zahlen Menschen türkischer Herkunft in Österreich, die an keiner Straftat beteiligt waren.

Am 1. November 2020 wurde in Décines-Charpieu bei Lyon ein Denkmal der armenischen Gemeinschaft mit den Schriftzügen „Loups gris“ und „RTE“ beschmiert30. Wir verteidigen die Beschädigung eines Denkmals nicht: Ein Angriff auf einen Ort, den irgendeine Gemeinschaft in Ehren hält, steht nicht für unser Anliegen.

Sehen Sie sich aber die Entscheidung selbst an: Frankreich hat keinen eingetragenen Verein aufgelöst, sondern einen „groupement de fait“, also eine De-facto-Gruppierung30. Das türkische Außenministerium erklärte, in Frankreich gebe es keine Gruppierung dieses Namens31. Gibt es keine offizielle Struktur, die man schließen könnte, dann ist die eigentliche Wirkung der Entscheidung nicht rechtlich, sondern symbolisch: Ein gemeinsames Symbol der Türken wird mit einer Straftat in eine Reihe gestellt.

Ein wichtiges Detail: Die Auflösungsentscheidung hat das Handzeichen nicht verboten. Selbst das französische Recht hat also zwischen dem Symbol und den Handlungen einer Gruppe unterschieden. Genau diese Unterscheidung vertreten auch wir.

Der Beschluss des Bundestages von 2020 behandelte die Ülkücü-Bewegung unter der Überschrift Nationalismus und Rassismus16. Gegen Rassismus zu sein, ist auch unser Grundsatz. Die Sprache, die Geschichte und die Symbole einer Nation zu lieben, ist aber kein Rassismus. In jedem Land Europas sind Flaggen, Wappen und Nationalhymnen ganz gewöhnliche Ausdrucksformen dieser Liebe.

Millionen Menschen türkischer Herkunft, die in Europa geboren und aufgewachsen sind, leben mit zwei Identitäten zugleich43. Wenn man ihnen ein Symbol ihrer Herkunft auf einer Verbotsliste zeigt, stärkt das nicht ihre Zugehörigkeit, sondern nährt das Gefühl, ausgegrenzt zu sein. Integration gelingt nicht, indem man von Menschen verlangt, sich ihrer Herkunft zu schämen.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) behandelt die Ülkücü-Bewegung in seinem Jahresbericht im Kapitel über auslandsbezogenen Extremismus und nennt eine geschätzte Zahl von Anhängern35. Diese Zahl ist nicht die Zahl von Straftätern. Sie ist eine Schätzung für ein breites Umfeld, das der Nachrichtendienst der Bewegung zuordnet.

In einem Verfassungsschutzbericht zu stehen, ist kein Urteil. Damit in Deutschland ein Verein verboten wird, muss das Innenministerium eine Verbotsverfügung mit konkreter Begründung erlassen, und diese wird gerichtlich überprüft. Der Bundestag verlangte 2020, diese Möglichkeit zu prüfen. Ein solches Verbot gibt es bis heute nicht16.

Merih Demiral zeigte das Zeichen am 2. Juli 2024 in Leipzig nach seinem zweiten Tor gegen Österreich. Die UEFA sperrte ihn am 5. Juli für zwei Spiele; er verpasste das Viertelfinale18. Zu den Gründen zählte, „Sportveranstaltungen für Kundgebungen nichtsportlicher Art genutzt“ zu haben. Ein Strafurteil gibt es nicht. Wie auch das türkische Außenministerium betonte, ist das Zeichen in Deutschland kein verbotenes Kennzeichen38.

Zum Vergleich: Bei der WM 2018 zeigten die Schweizer Spieler Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri im Spiel gegen Serbien den albanischen Doppeladler. Die FIFA verhängte nur Geldstrafen39. Wenn ein Zeichen nationaler Identität bei einem Turnier mit einer Geldstrafe geahndet wird und bei einem anderen mit einer Sperre, die das Viertelfinale kostet, ist das mit dem Grundsatz der Gleichbehandlung nicht vereinbar.

Wir nehmen dieses Gefühl ernst. Manche Menschen, darunter manche kurdischer und armenischer Herkunft, verbinden dieses Zeichen mit vergangener Gewalt und mit Drohungen. Auch das französische Dekret von 2020 stützt sich auf bewaffnete Vorfälle in der Region Lyon und auf Feindseligkeit gegenüber diesen Gemeinschaften30. Diese Wahrnehmung hat reale Gründe.

Wir sagen es klar: Wer dieses Zeichen nutzt, um jemanden zu bedrohen oder einzuschüchtern, oder wer Gewalt oder Terror ausübt, muss verfolgt und bestraft werden, ganz gleich, wer es ist. Solche Menschen zu verteidigen ist nicht die Aufgabe dieser Seite. Eine Straftat, die sich hinter dem Zeichen versteckt, schadet auch dem Zeichen selbst.

Die Antwort auf eine Straftat ist aber, den Täter zu bestrafen, und nicht, alle, die dasselbe Symbol verwenden, unter ein Verbot zu stellen. Nach dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte rechtfertigen Kränkung oder sogar Empörung ohne Einschüchterung kein Verbot41, und öffentliches Unbehagen allein kann die Grenzen der Meinungsfreiheit nicht ziehen29. Die Taten Einzelner dem Symbol einer ganzen Gemeinschaft anzulasten, ist eine Verallgemeinerung. Gegen diese Verallgemeinerung wenden wir uns.

Derselbe Grundsatz gilt in beide Richtungen. Das Zeichen vor einem armenischen Denkmal oder gegenüber einer kurdischen Kundgebung hat nicht dieselbe Bedeutung wie bei einem Torjubel. Auch der EGMR erkennt an, dass an bestimmten Orten des Gedenkens an Massenverbrechen und an Gedenktagen Einschränkungen zulässig sein können41. Wer den Kontext verteidigt, muss auch diesen Kontext anerkennen. Genau das verlangt der österreichische Verfassungsgerichtshof: jeden Fall in seinem eigenen Zusammenhang zu prüfen24.

Für junge Leute: Was du wissen solltest

In der Schule, bei der Arbeit, in den sozialen Medien: Das Thema wird dir begegnen. Informier dich, was in welchem Land verboten ist. Gib kurze und richtige Antworten. Vermeide Fehler, die dich die Diskussion kosten.

Kurzer Überblick nach Ländern

Stand: 27. Oktober 2026. Das ist keine Rechtsberatung. Lass dich für deinen eigenen Fall anwaltlich beraten.

Österreich

In der Öffentlichkeit verboten

  • Das Handzeichen und die Embleme der Gruppierung fallen seit 1. März 2019 unter das Symbole-Gesetz. Wer es auf der Straße oder im Stadion zeigt oder in sozialen Medien postet, kann bestraft werden.
  • Strafe: Geldstrafe bis 10.000 € oder Freiheitsstrafe bis zu einem Monat; im Wiederholungsfall bis 20.000 € oder bis zu sechs Wochen17.
  • Auch alte Beiträge können ein Problem sein: Ein Foto, das 2016 geteilt wurde und online blieb, wurde als Dauerdelikt gewertet28.
  • Es kann Folgen im Job haben: Der Oberste Gerichtshof bestätigte die Entlassung eines Busfahrers, der in Uniform das Zeichen in eine Kamera gezeigt hatte44.
  • Die Verwendung in Presse, Büchern, auf der Bühne oder im Film fällt nicht unter das Verbot, solange damit kein Ideengut propagiert wird13.
  • Der Verfassungsgerichtshof verlangt für eine Strafe, dass in jedem Einzelfall gesondert geprüft wird, ob ein zur Gewalt aufrufendes Ideengut gutgeheißen wurde24.

Frankreich

Zeichen nicht verboten

  • Das Dekret von 2020 hat eine De-facto-Gruppierung namens „Les Loups gris“ aufgelöst. Das Handzeichen oder das Wolfssymbol hat es nicht verboten15.
  • Eine aufgelöste Gruppe fortzuführen oder neu zu gründen, ist in Frankreich strafbar.
  • Aufrufe zu Diskriminierung, Hass oder Gewalt werden gesondert bestraft, egal mit welchem Symbol.
  • Weil der EGMR das Auflösungssystem grundsätzlich bestätigt hat, wird die Debatte vor allem in der Öffentlichkeit geführt, weniger vor Gericht32.

Deutschland

Nicht verboten

  • Das Handzeichen ist nicht verboten. § 86a StGB erfasst nur Kennzeichen verbotener Vereine, vom Bundesverfassungsgericht verbotener Parteien und von Organisationen auf der EU-Terrorliste45.
  • Die Ülkücü-Vereine sind nicht verboten; auch im Juli 2026 hat die Bundesregierung kein Verbot angekündigt20.
  • In der Schule, am Arbeitsplatz und im Stadion können eigene Regeln der Schule, des Arbeitgebers, des Vereins oder der UEFA gelten.
  • Wird das Zeichen zusammen mit einer Drohung, Beleidigung oder Aufstachelung gezeigt, kann das unter diesem Gesichtspunkt eine eigene Straftat sein.

Antworten in einem Satz

Klick oder tippe auf eine Karte. Auf der Rückseite steht eine kurze Antwort mit Quelle.

Vier verbreitete Irrtümer

Ein Anliegen, das mit richtigen Fakten vertreten wird, wird durch einen einzigen Fehler geschwächt. Verwende diese Behauptungen nicht: Wenn dein Gegenüber es besser weiß, wird alles, was du sagst, zweifelhaft.

„Die Göktürk-Fahne zeigte einen Wolfskopf auf himmelblauem Grund.“

Die chinesischen Chroniken berichten von einem goldenen Wolfskopf an der Spitze der Bannerstangen. Über die Farbe der Fahne steht dort nichts1. Die Fahne mit blauem Grund ist eine moderne Deutung.

„Der Graue Wolf zeigte den Türken den Weg aus Ergenekon.“

In den mittelalterlichen Ergenekon-Erzählungen gibt es keinen Wolf, der den Weg weist. Soweit bekannt, taucht dieses Motiv zuerst in Ziya Gökalps Gedicht auf87. In der älteren Erzählung der chinesischen Chroniken ist der Wolf dagegen die Stammmutter des Geschlechts.

„Im offiziellen Wappen der Türkei ist ein Grauer Wolf.“

Die Türkei hat kein offizielles Wappen. Der Siegerentwurf des Wappenwettbewerbs von 1925 zeigte einen Grauen Wolf, wurde aber nicht offiziell angenommen46. Richtig ist: Der Graue Wolf war auf den Banknoten von 1927 abgebildet9.

„Es gibt ein Foto von Atatürk mit einem Wolf.“

Die kursierenden Fotos sind Montagen. Einige beruhen auf einem Foto von Hitler mit seinem Hund47. Wer diese Bilder teilt, liefert der Gegenseite das leichteste Gegenargument.

Mach das

  • Nenne Quellen: Datum, Dokumentnummer, Gerichtsentscheidung. Die Quelle jeder Angabe auf dieser Website findest du unten.
  • Sprich das stärkste Argument der Gegenseite zuerst selbst aus und antworte dann. So überzeugst du am meisten.
  • Erzähl von der Herkunft: Bugut-Inschrift, Zhoushu, Oğuz-Kağan-Epos. Die meisten Menschen haben von diesen Quellen noch nie gehört.
  • Halte dich an die Gesetze des Landes, in dem du bist. Wenn du mit einem Gesetz nicht einverstanden bist, streite auf rechtlichem Weg darüber, nicht indem du es brichst.
  • Bleib ruhig. Es geht nicht darum, die Diskussion zu gewinnen, sondern darum, dass dein Gegenüber etwas lernt.

Lass das

  • Benutze das Zeichen nicht, um jemanden einzuschüchtern, zu bedrohen oder zu provozieren. Damit lieferst du selbst den Beweis für die These der Verbotsbefürworter.
  • Beleidige kein anderes Volk, keine Religion und keine Gemeinschaft. Türkçülük heißt, das eigene Erbe zu lieben, nicht andere herabzusetzen.
  • Beschädige keine Denkmäler, Gotteshäuser oder fremdes Eigentum. Wer das tut, schadet dem Anliegen, das er zu vertreten glaubt.
  • Teile keine ungeprüften Informationen. Ein einziger Fehler beschädigt die Glaubwürdigkeit des ganzen Dossiers.
  • Setz das Zeichen in einer aufgeheizten Lage nicht zur Demonstration ein. Recht zu haben heißt nicht, dass man überall auch so wahrgenommen wird.

Quellen

Jede Aussage in diesem Dossier stützt sich auf eine der folgenden Quellen. Bei amtlichen Dokumenten verlinken wir nach Möglichkeit auf die Primärquelle, also auf das Gesetz, die Entscheidung oder den Bericht selbst.

  1. Linghu Defen (Hrsg.), 周書 Zhoushu, Band 50, „Tujue“ (Die Türken), 636. Text auf Wikisource
  2. Cengiz Alyılmaz, „On the Bugut Inscription and Mausoleum Complex“, Transoxiana Webfestschrift Marshak, 2003
  3. Wei Zheng (Hrsg.), 隋書 Suishu, Band 84, 636. Text auf Wikisource
  4. Wiktionary, „𐱅𐰇𐰼𐰜“ (Türük), mit Zitat aus der Kül-Tigin-Inschrift
  5. İlker Evrim Binbaş, „Oḡuz Khan Narratives“, Encyclopaedia Iranica, 2014
  6. W. Bang, G. R. Rahmeti Arat, Oğuz Kağan Destanı, Istanbul 1936. Handschrift: BnF, Supplément turc 1001 (Scan auf Gallica)
  7. Ziya Gökalp, „Ergenekon“ (1912/1913), türkischsprachiges Wikisource
  8. Özdemir und Temizkan, Aufsatz über die Quellen der Ergenekon-Erzählung, Vakanüvis 9/1, 2024, S. 588–657
  9. Türkiye Cumhuriyet Merkez Bankası, Erste Emissionsgruppe, 5 Türkische Lira (1927)
  10. StampData, Türkei 1926, 10 Para: legendärer Schmied und Grauer Wolf
  11. Bundeszentrale für politische Bildung, „Graue Wölfe“, 11. Juli 2024
  12. Serbestiyet, „Alparslan Türkeş bozkurt selamını 1991'de Gagavuz Türkü kızlardan öğrendi“, 4. Juli 2024
  13. BGBl. I Nr. 2/2019, Änderung des Symbole-Gesetzes, 9. Januar 2019, RIS
  14. BGBl. II Nr. 58/2019, Änderung der Symbole-Bezeichnungsverordnung, 27. Februar 2019, RIS
  15. Französische Nationalversammlung, Antwort der Regierung auf die Anfrage Nr. 33788, JO vom 6. April 2021, S. 3078
  16. Deutscher Bundestag, Drucksache 19/24388, 17. November 2020
  17. BGBl. I Nr. 177/2023, Verbotsgesetz-Novelle 2023, Art. 5, RIS
  18. Bluewin / Keystone-SDA, „UEFA bans Turkey's Demiral for two European Championship matches after wolf salute“, 5. Juli 2024
  19. Europäisches Parlament, Entschließung vom 17. Juni 2026, TA-10-2026-0215, Ziffer 23
  20. Deutscher Bundestag, Drucksache 21/7136, Antwort der Bundesregierung, 13. Juli 2026
  21. Wikipedia, „Capitoline Wolf“
  22. Wappen von Passau, Wolfsburg und Wolfsberg, deutschsprachige Wikipedia
  23. Bundesamt für Verfassungsschutz, „Rechtsextremismus: Symbole, Zeichen und verbotene Organisationen“, September 2022, S. 82, PDF
  24. Österreichischer Verfassungsgerichtshof, VfGH E 3120/2021, 8. März 2022
  25. Durchführungsverordnung (EU) 2021/138 des Rates, EU-Terrorliste
  26. Österreichisches Parlament, Anfragebeantwortung des Bundesministers für Inneres 922/AB XXVII. GP, 10. April 2020
  27. Türkisches Außenministerium, Pressemitteilung Nr. 33, 14. Februar 2019
  28. Österreichischer Verwaltungsgerichtshof, VwGH Ra 2023/01/0115, 4. April 2024
  29. EGMR, Vajnai gegen Ungarn, Nr. 33629/06, 8. Juli 2008
  30. Décret du 4 novembre 2020 portant dissolution d'un groupement de fait, Légifrance
  31. Türkisches Außenministerium, Nr. 276, “Bozkurtlar Hareketi”nin Kapatılmasına İlişkin Bakanlar Kurulu Kararı Hk., 4. November 2020
  32. EGMR, Ayoub und andere gegen Frankreich, Nr. 77400/14 u. a., 8. Oktober 2020
  33. Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll 19/191, 18. November 2020
  34. Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste, WD 3-3000-369/18, 26. Oktober 2018, PDF
  35. Bundesamt für Verfassungsschutz, Verfassungsschutzbericht 2025, auslandsbezogener Extremismus
  36. Deutscher Bundestag, Kurzmeldung (hib) zum Migrationsbericht 2024 (Drs. 21/4300), 26. Februar 2026: rund 2,6 Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund
  37. Europäisches Parlament, Entschließung vom 19. Mai 2021, P9_TA(2021)0243, Ziffer 16
  38. Türkisches Außenministerium, Nr. 128, zum Disziplinarverfahren gegen Merih Demiral, 3. Juli 2024
  39. Swissinfo, „Swiss footballers fined by FIFA for Albanian double-eagle gesture“, Juni 2018
  40. Türkisches Außenministerium, Nr. 130, 5. Juli 2024
  41. EGMR, Fáber gegen Ungarn, Nr. 40721/08, 24. Juli 2012
  42. EGMR, Nix gegen Deutschland (Entscheidung), Nr. 35285/16, 13. März 2018
  43. Bevölkerung türkischer Herkunft: Deutschland rund 2,6 Millionen (2024, Migrationsbericht), Österreich 308.000 (2024, Statistik Austria / ÖIF), Frankreich rund 600.000 (INSEE-Daten, Eingewanderte und zweite Generation zusammen)
  44. Oberster Gerichtshof (Österreich), OGH 8 ObA 39/24d, 26. September 2024
  45. Strafgesetzbuch § 86a, gesetze-im-internet.de
  46. Wikipedia, „Emblems of Turkey“ (Wappenwettbewerb 1925)
  47. Malumatfuruş, „Atatürk ve bozkurt fotoğrafı“, 28. April 2021
  48. Al-Monitor, „Ocalan 'highly likely' to call for PKK disarmament“, Februar 2025. Foto: maskierter Demonstrant mit Victory-Zeichen und Öcalan-Fahne, Newroz 2015
  49. Lovguiden, Erneuerung der EU-Terrorliste am 30. Juli 2026 durch Verordnung (EU) 2026/1878; die PKK bleibt gelistet